Closed Loop auch für die Kleinen

Berlin, 09.12.2020


Closed Loop auch für die Kleinen

Wenn von der Nutzung neuer Technologien die Rede ist, haben Sie sicher eher jüngere, technikaffine Menschen mit insulinpflichtigem Diabetes im Kopf – an kleine Kinder denken Sie vermutlich nicht. Dabei zeigen Studiendaten, dass die Nutzung der Insulinpumpentherapie und kontinuierlichen Glukosemessung in dieser Gruppe stark angestiegen ist. Und das Ganze geht noch einen Schritt weiter: Kinder mit Typ-1-Diabetes scheinen auch von der Nutzung eines künstlichen Pankreas zu profitieren.


Aktuell leben in Deutschland etwa 373.000 Menschen mit einem Typ-1-Diabetes, wovon circa 32.000 Kinder und Jugendliche sind.1 Im Jahr 2019 waren von den Betroffenen, die bei der Erstmanifestation eines Typ-1-Diabetes unter 20 Jahre alt waren, 20,4 % jünger als 5 Jahre alt.2

Bei solch jungen Patienten*innen sind vor allem die Eltern gefordert, denn gerade bei dieser Patienten*innengruppe stellen das Blutzuckermessen und Insulininjizieren eine große Herausforderung dar. Und so könnte man erklären, dass 92 % aller Diabetespatienten*innen, die im Jahr 2019 jünger als 5 Jahre alt waren, eine Insulinpumpe verwenden.2 Auch die Nutzung von CGM-Systemen ist bei Kindern weit verbreitet: Bei einer Analyse von Daten von 96.547 Patienten*innen mit Typ-1-Diabetes (Durchschnittsalter 17,9 Jahre, 53 % Männer) in Deutschland und Österreich, in der ein allgemeiner Anstieg des Prozentsatzes der Patienten*innen mit CGM von 3 % im Jahr 2006 auf 38 % im Jahr 2017 aufgezeigt wurde, lagen die höchsten Zuwachsraten auch wieder bei den Jüngsten: bei Klein- und Vorschulkindern um 58 %, bei den 5- bis 10-Jährigen um 52 %.3

So ist die Voraussetzung dafür geschaffen, dass auch die Kleinen die neueste Entwicklung in der Diabetestherapie, die der automatischen Insulinzufuhr durch sogenannte Closed-Loop-Systeme oder auch künstliche Bauchspeicheldrüse (AP, artificial pancreas), nutzen können. Und Studiendaten zeigen, dass diese Patientengruppe davon profitieren kann.


Noch sind Closed-Loop-Systeme Hybrid-Systeme

Hinter dem Begriff Closed-Loop-System verbirgt sich streng genommen ein Hybrid-Closed-Loop-System, bei dem die basale Insulinzufuhr automatisiert bzw. Korrekturen bis zu einem gewissen Glukosespiegel automatisiert normalisiert werden. Postprandiale Glukose-Peaks müssen Nutzer*innen noch selbst durch manuelle Boliabgaben korrigieren. Komplett automatisierte Closed-Loop-Systeme sind kommerziell bisher noch nicht erhältlich.


Closed Loop im Vergleich zur Pumpentherapie


In einer aktuellen Studie um Dr. Marc D. Breton4 wurden 101 Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren eingeschlossen. Die Kinder hatten breit gestreute HbA1c-Werte (5,7–10,0). 78 der Teilnehmenden nutzten ein Closed-Loop-System, die anderen 23 wurden mit einer sensorunterstützten Pumpentherapie als nächstbeste Alternative behandelt. Nach 16 Wochen stieg der Anteil der täglichen „Time in Range“ (Anteil der Zeit im Glukosezielbereich) von durchschnittlich 53 % auf 67 % (ca. 2,6 h) und in der Kontrollgruppe von 51 % auf 55 %. Ketoazidosen oder schwere Hypoglykämien traten nicht auf.


KidsAP – Künstliche Bauchspeicheldrüse bei Kleinkindern


Ein Projekt, das sich speziell mit der Verwendung von Closed-Loop-Systemen bei 1- bis 7-jährigen Kindern mit Typ-1-Diabetes befasst, ist „KidsAP“, ein multinationales Projekt, finanziert durch die Europäische Kommission. Das Ziel: Die Testung eines Closed-Loop-Systems, das an der Cambridge University entwickelt wurde. Die Pilotstudie startete 2017 und wurde dieses Jahr beendet. Die Ergebnisse einer Folgestudie werden noch diesen Monat erwartet.

In einem multizentrischen, multinationalen, randomisierten Crossover-Studiendesign konnten 24 Kinder mit Typ-1-Diabetes eingeschlossen werden, im Durchschnitt waren die Kinder 5 Jahre alt und hatten einen HbA1c Wert von 7,4 ± 0,7 % [57 ± 8 mmol/mol]. In der Studie trugen die Kinder das Closed-Loop-System für insgesamt 6 Wochen im heimischen Umfeld. Die Teilnehmenden absolvierten zwei 21-tägige Perioden mit unterschiedlichen Insulinarten. Die Systeme wurden von den Familien im alltäglichen Leben ohne Überwachung durch das Studienteam verwendet.5


Mehr Wohlbefinden: Closed Loop entlastet Kinder und Eltern


Die Ergebnisse zeigten einen hohen Zeitanteil mit Sensorwerten im Zielbereich zwischen 70 und 180mg/dl; der Anteil der Werte im hypoglykämischen Bereich war gering. Weiterhin kam es zu keinen mit dem System assoziierten schweren Hypoglykämien oder diabetischen Ketoazidosen.5

Im Rahmen der Studie wurden auch die Eltern der Kinder zu ihrer Zufriedenheit befragt und diese war sehr hoch: Über 90 % der befragten Eltern (20 der 24 Eltern der teilnehmenden Kinder) würden ein Closed-Loop-System weiterempfehlen. Vor allem die zufriedenstellende „Time in Range“ in der Nacht steigerte das Vertrauen in das System, reduzierte den Stresslevel und steigerte das Wohlbefinden durch die Verbesserung des Nachtschlafes.5

Quellen:
1 Thaddäus Tönnies, Wolfgang Rathmann: Epidemiologie des Diabetes in Deutschland. In: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021; Herausgeber: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, erschienen am 14.11.2020,1. Auflage, Verlag Kirchheim
2 Reinhard W. Holl, Nicole Prinz: Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes – aktuelle Situation und Veränderungen der letzten 25 Jahre. In: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021; Herausgeber: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, erschienen am 14.11.2020,1. Auflage, Verlag Kirchheim
3 Louisa van den Boom et al. Diabetes Care 2019; 42:2050–2056 doi.org/10.2337/dc19-0345
4 Breton et al. N Engl J Med 2020; 383:836–84 www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2004736
5 Fröhlich-Reiterer et al. Paediatr. Paedolog. 2020; 55:120–124 doi.org/10.1007/s00608-020-00787-0


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