Diabetes und Schwangerschaft

Berlin, 09.12.2020


Schwangere mit Diabetes – nicht die klassische Zielgruppe

Bloggerin und Mitglied des Zukunftsboard Digitalisierung (zd) Lisa Schütte lebt selbst mit Typ-1-Diabetes und ist gerade Mutter geworden. Sie weiß: Eine Schwangerschaft macht ein richtiges Diabetesmanagement noch herausfordernder. Obwohl digitale Tools wie beispielsweise kontinuierliche Glukosemessung (CGM) dabei unterstützen können, klafft in anderen Bereichen noch eine Lücke. Wir haben nachgefragt.


Lisa, wie hast Du deinen Diabetes während der Schwangerschaft gemanagt? Während einer Schwangerschaft gelten ja zum Beispiel niedrigere Blutzuckerzielbereiche, wie bist du damit umgegangen?


Mein rtCGM-System (realtime CGM-System) war meine allergrößte Hilfe. Da die Werte in einem sehr engen Zielbereich gehalten werden müssen, funktioniert das nur mit einer sehr engmaschigen Kontrolle. Mit herkömmlichen Blutzuckermessungen hätte ich mich wahrscheinlich „dumm und dämlich“ gemessen. Außerdem konnte ich durch die Daten des CGM-Systems wunderbar Muster erkennen und wusste viel besser, an welchen Stellen ich meine Diabetestherapie noch optimieren muss.

Zusätzlich geht auch nichts über die Alarmfunktion! Durch den niedrigen Zielbereich hatte ich viele Unterzuckerungen, die ich durch die strenge Einstellung schnell gar nicht mehr bemerkt habe.

Hier hat mich das System immer wunderbar gewarnt und Schlimmeres verhindert. Auch bei zu hohen Werten hat mich das System rechtzeitig gewarnt. Dadurch war ich im Alltag viel sicherer und habe mich wohler gefühlt.

Ich bewundere wirklich jede Frau, die eine Schwangerschaft ohne rtCGM-System gestemmt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es ohne diese Systeme so gut geschafft hätte.


Welche digitalen Tools könnten die spezifischen Probleme Schwangerer lösen?


rtCGM-Systeme mit Alarmfunktion sind auf jeden Fall Gold wert. Sie alarmieren bei zu hohen oder zu niedrigen Werten und zeigen kontinuierlich Werte an. Das gibt Sicherheit. Auch ermöglichen sie eine bessere Analyse der Daten und damit eine Therapieoptimierung.

Hilfreich sind Auslese- und Analyse-Tools, um Muster erkennen und die Diabetestherapie optimieren zu können: Die aktuellen Systeme machen das zwar schon, aber es wäre toll, wenn es noch extra Features für Schwangere gäbe. Auch wäre es schön, wenn sich beispielsweise der Spritz-Ess-Abstand ausrechnen ließe. Ideal wäre eine künstliche Bauchspeicheldrüse, ein System, das den Blutzucker automatisch im Zielbereich hält und auch für Schwangere zugelassen ist.


Können spezielle Apps bei einer Schwangerschaft unterstützen?


Für Schwangere mit Diabetes gibt es keine speziellen Apps. Es gibt nur separate Apps für Diabetes oder Apps für Schwangere. Ich sehe hierfür einen großen Bedarf und könnte mir kombinierte Apps gut vorstellen: Apps, in denen Blutzuckerdaten synchronisiert werden, es viele Informationen zum Thema Schwangerschaft mit Diabetes gibt und die Frauen auch Daten zur Schwangerschaft eingeben können, sodass sie Informationen zum eigenen Schwangerschaftsfortschritt erhalten.


Wo und wie informieren sich werdende Mütter mit Diabetes über die spezifischen Herausforderungen? Welche Tipps hast du?


Werdende Mütter sollten auf jeden Fall das Gespräch mit ihrem*ihrer Diabetologen*Diabetologin, dem Diabetesteam und ihrem*ihrer Gynäkologen*Gynäkologin suchen. Zusätzlich bieten die Internetseiten der Deutschen Diabetes Gesellschaft, der Deutschen Diabetes Hilfe oder der Diabetes Selbsthilfe DDH-M wertvolle Informationen. Es sollte schon etwas „Offizielles“ sein, wie zum Beispiel auch Leitlinien. Dazu muss man aber auch sagen: Kein Diabetes verhält sich immer Leitlinien-gerecht. Es ist enorm schwer, sich an die ganzen neuen Regeln zu halten und die Zielwerte zu erreichen. Da zweifelt man schnell an sich selbst und hat viele Ängste. Die Online-Community ist dazu eine tolle Ergänzung und bietet emotionalen Support. Es ist eine große Hilfe, sich mit anderen Frauen auszutauschen, die diese Gefühle kennen und die einen mit positiven Erfahrungen beruhigen können. Manchmal hilft es halt, einfach gemeinsam zu reden.

Zusätzlich bietet auch Social Media viele Informationen, die aber mit Vorsicht zu genießen sind, denn nicht immer ist der Inhalt fachlich korrekt. Viel wichtiger an dieser Stelle ist der Austausch und der emotionale Support von anderen, die die Situation kennen, etwa über spezifische Facebook-Gruppen oder auch Diabetesbloggerinnen wie Kathi Schanz, die auch für die Blood Sugar Lounge schreibt, oder auch mein eigener Blog lisabetes.de.


Durch die engmaschige diabetologische und gynäkologische Kontrolle hattest du viele Arzt-Termine – und das während der Corona-Zeit. Hast du auch Videosprechstunden genutzt?


Ich hatte durch meine Schwangerschaft einmal monatlich einen Termin bei meiner Diabetologin. Zur Blutabnahme bin ich in die Praxis gegangen, die anschließende Besprechung erfolgte aber während der ganzen Schwangerschaft via Telefon oder Videosprechstunde. Für mich war das ein Segen! Ich konnte mir die lange Zeit im Wartezimmer sparen und auch den Weg zur Praxis durch die Stadt. Meine Daten aus dem CGM-System habe ich immer schon vorab an meine Diabetologin geschickt, sodass wir meine Werte auch weiter gut per Telefon und Video besprechen konnten.


Was sollten deiner Meinung nach Ärzte*innen wissen oder mit ihren Patientinnen besprechen?


Diabetologen*innen sollten ihre Patientinnen nicht nur über die neuen Zielwerte gut aufklären, sondern auch mit ihnen besprechen, was für eine emotionale Herausforderung eine Schwangerschaft speziell mit Diabetes sein kann und dass es okay ist, wenn man sich damit mal überfordert fühlt. Zusätzliche Gespräche und Unterstützung durch eine*einen Diabetesberater*in finde ich sehr hilfreich. Ich würde mir auch mehr Aufklärung in Sachen Diabetes und Schwangerschaft auf Seiten der Ärzteschaft, zum Beispiel bei den Gynäkologen*innen, wünschen, denn man wird doch im Laufe der Schwangerschaft mit teilweise nicht mehr zeitgemäßen Vorurteilen konfrontiert. Ein fachübergreifender Dialog zwischen Gynäkologie und Diabetologie könnte dabei hilfreich sein. Auf jeden Fall sollte man als Schwangere mit Diabetes in engem Austausch mit seinem*seiner behandelnden Diabetologen*Diabetologin stehen.


Vielen Dank für das Gespräch, Lisa!


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