Onlineschulungen: alles (un)klar?

Hamburg, 09.09.2020


Onlineschulungen: Vom „Notfall-Tool“ zur echten Bereicherung

Ob Diabetes-Schulungen online durchgeführt werden dürfen, darüber herrscht Verunsicherung in Deutschland. Im Rahmen von DMP werden sie im einem Bundesland vergütet, im anderen aber nicht. Unklar ist auch, wie lange die eigentlich existierende Begrenzung der Anzahl an Videosprechstunden pro Quartal ausgesetzt bleibt. In Corona-Zeiten hangelt man sich von Ausnahmeregelung zu Ausnahmeregelung und von Befristung zu Befristung. Dr. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe e. V. und Mitglied im Zukunftsboard Digitalisierung, findet: Aus den Corona-Notfall-Tools können echte Bereicherungen werden. Doch dafür braucht es Sicherheit und Verbindlichkeit.


Herr Dr. Kröger, wie hat sich die Schulungssituation unter der Pandemie verändert? In Ihrer Praxis und allgemein?


Gruppenschulungen sind zurzeit, wenn überhaupt, nur unter strengen Abstands- und Hygieneregeln möglich. Nicht alle Praxen verfügen über entsprechende Räumlichkeiten, um Präsenzschulungen mit einer therapeutisch und wirtschaftlich sinnvollen Patientenanzahl mit dem nötigen Sicherheitsabstand durchzuführen. Da sind Onlineschulungen eine gute Möglichkeit, Schulungen trotzdem durchzuführen. Verwirrung und Verunsicherung gab es sicher durch den GBA-Beschluss vom 7. April, der besagt, dass verpflichtend verankerte Schulungen im Rahmen von DMP ausgesetzt werden können (bis Ende 3. Quartal), um mögliche Ansteckungen der Patienten mit SARS-CoV-2 zu verhindern und Arztpraxen zu entlasten. Doch die Schulungen sind eine wichtige Säule im Diabetesselbstmanagement. Und gerade in der Covid-19-Pandemie ist eine gute und stabile Blutzuckereinstellung für Menschen mit Diabetes als Risikopatienten wichtig, denn sie unterstützt das Immunsystem. Darauf weisen zahlreiche Daten aus der Forschung hin, auch wenn jetzt Untersuchungen bei Covid-19-Patienten keinen Einfluss des HBA1c auf den Krankheitsverlauf bei Menschen mit Diabetes Typ 2 feststellen konnten. Fakt ist: Man darf die DMP-Dokumentation aussetzen, darf sie aber auch per Videosprechstunde durchführen. Ob auch Video-Gruppenschulungen stattfinden dürfen, dazu gab der G-BA-Beschluss keinen Hinweis, explizit ausgeschlossen war es aber auch nicht.


Mittlerweile ist ja Bewegung in die Situation gekommen: DMP-Verträge werden regional zwischen den KVen der Länder und den Krankenkassen verhandelt: In einigen KV-Bezirken werden Videogruppenschulungen genehmigt und honoriert. Werden Online-Tools denn einen festen Platz in der Praxis erhalten?


Das bleibt abzuwarten. Viele Videodienstanbieter werben ja zurzeit mit kostenlosen Probe-Monaten. Aus der Not heraus, Patienten in der Krise trotzdem versorgen zu können, haben sicher viele Ärzte digitale Tools ausprobiert. Aber ob sie diese nun in den Praxis-Alltag integrieren, hängt m. E. von mehreren Aspekten ab: Ärzte und Patienten müssen einen echten Nutzen in diesen Tools sehen und feststellen, dass man damit auch gut arbeiten kann. Sicher hängt es auch von der Fachgruppe ab. Zum Beispiel ist eine Videosprechstunde für die „sprechende Medizin“ eher geeignet als für die operative Medizin. Aber es geht bei den Praxen auch um wirtschaftliche Aspekte: Was passiert, wenn Videodienstanbieter ihre Leistung kostenpflichtig machen? Zurzeit gibt es noch die Anschubfinanzierung von je 10 Euro für bis zu 50 Onlinevisiten, und den sogenannten Technikzuschlag, der noch bis zum 31. September 2020 gilt. Danach bleibt die normale Pauschale, das ist manchen Ärzten vielleicht zu wenig. Auch ist eine Begrenzung auf 50 Onlinevisiten für große Praxen zu niedrig. Wir werden Videosprechstunden sicher beibehalten und weiter ausweiten.


Was sollten Praxen, die Video-Gruppenschulungen anbieten wollen, beachten?


Es muss auf jeden Fall ein KBV-zertifizierter Videosprechstundenanbieter sein. Man sollte verschiedene Programme ausprobieren, denn nicht alle verfügen über die gleichen Funktionen, zum Beispiel die Möglichkeit, Dokumente bequem hochzuladen und am Bildschirm mit anderen zu teilen. Auch die Teilnehmerzahl ist bei einigen Programmen beschränkt, manche lassen nur einen Teilnehmer, andere drei bis vier Teilnehmer zu, andere mehr. Auch laufen die Programme unterschiedlich stabil. Hier wird es sicher Weiterentwicklungen geben.


Welche Erfahrungen haben Sie und Ihr Team mit der neuen Schulungsform gemacht?


Wir haben mehrere Anbieter durchprobiert und haben uns nun für einen Anbieter entschieden. Unsere Beraterinnen waren zunächst begeistert, haben dann aber doch gemerkt, dass eine Onlineschulung anders ist. Man muss also auch die Schulenden schulen: Die Beraterinnen müssen sich nicht nur mit dem Tool vertraut machen, sondern auch lernen, wie man Inhalte an das neue Format angepasst vermittelt. Wie erreicht man beispielsweise online einen sinnvollen Austausch innerhalb der Gruppe? Das ist bei Präsenzschulungen sicher einfacher. Auch müssen wir lernen, mit den technischen Herausforderungen umzugehen, wenn zum Beispiel wegen unterschiedlicher Netzabdeckung schon mal ein Teilnehmer aus der Leitung fliegt. Hier ist vor allem aber die Regierung gefragt, ihre Pläne einer Verbesserung der Digitalisierung in Deutschland voranzutreiben.


Sind Onlineschulungen für alle Patienten geeignet? Sehen Sie Einschränkungen?


Nach meiner Erfahrung ist das Feedback der Patienten überwiegend positiv, jedoch gibt es immer wieder mal Hürden wie eben fehlende digitale Infrastruktur. Gut geeignet sind Onlineschulungen, bei denen die reine Wissensvermittlung im Vordergrund steht, beispielsweise CGM-Schulungsprogramme. Dann ist es eher ein Vortrag. Was online eine Herausforderung darstellt, ist zum Beispiel der Austausch der Teilnehmer untereinander. Auch ist es schwerer möglich, Fertigkeiten im Umgang mit Systemen zu vermitteln. Hier ist die Präsenzschulung nicht ersetzbar. Ansonsten sehe ich keine Einschränkungen, auch nicht beim Alter. Es gibt genauso technikaffine Ältere, wie es junge Technik-Muffel gibt. Und eine schlechte Netzabdeckung kann auch jeden treffen.


Ihre Vision?


Meine Vision wäre ein ergänzendes Nebeneinander von Präsenz- und Onlineschulungen mit den bestehenden evaluierten und zertifizierten Schulungsprogrammen durch Ärztinnen und Ärzte sowie Diabetesberater/-innen, die die Qualifikation dafür erworben haben. Wichtig ist bei den Schulungsprogrammen auch der interaktive Austausch der Teilnehmer untereinander. Dies ist nicht so einfach und sollte geübt werden. Sinnvoll wäre ein Leitfaden, wie Hürden bei Onlineschulungen überwunden werden können. Darüber hinaus benötigen wir Klarheit und bundesweite, verbindliche Regelungen: Im Moment hangeln wir uns von Befristung zu Befristung und von Ausnahmeregel zu Ausnahmeregel.

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Onlineschulungen: Wer profitiert?
Mittwoch, 30. September, 17 bis 18 Uhr
Prof. Dr. Bernhard Kulzer, Bad Mergentheim (Pro) und
Dr. med. Hans-Martin Reuter, Jena (Contra)


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