Onlineschulungen als gute Ergänzung

Bad Mergentheim, 28.10.2020


Diabetesschulung per Video: Kein Entweder-oder

Seit Beginn der Coronakrise werden Diabetesschulungen immer häufiger auch online durchgeführt. Vor welche Herausforderungen sich Schulungskräfte und -teilnehmer*innen gestellt sehen und wie es mit der neuen Technik klappt – das waren Themen einer gemeinsamen Umfrage verschiedener Diabetesorganisationen. Professor Dr. Bernhard Kulzer, Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM) und Mitglied im Zukunftsboard Digitalisierung, hat die Befragung mit konzipiert und ordnet die Ergebnisse für den DiaChannel ein.


An der gemeinsamen Umfrage* des wissenschaftlichen Instituts der niedergelassenen Diabetologen (winDiab), des Forschungsinstituts der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM), des Verbands der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD), des Bundesverbands Niedergelassener Diabetologen (BVND), der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe beteiligten sich 356 Ärzte*innen, Diabetesberater*innen sowie Diabetesassistenten*innen aus allen 17 KV-Bezirken. Davon erachteten 75 % die Internetstruktur in ihrer Praxis für die Onlineschulung als ausreichend, 61 % der Praxen sehen sich für die Online-Gruppenschulung technisch gut ausgestattet und 55 % schätzen die Schulungskräfte als angemessen technisch kompetent ein, um Videoschulungen durchzuführen.

Für 51 % der Befragten war die Corona-Pandemie ein Anlass, sich näher mit der Onlineschulung zu befassen. Fast die Hälfte (48 %) empfand die Möglichkeit der Videoschulung während dieser Zeit als eine gute Alternative zur Präsenzschulung.


Eignung der Patienten*innen unterscheidet sich


Ausgehend von den positiven Erfahrungen wünscht sich etwa ein Drittel aller Befragten, dass die Onlineschulung einen festen Platz im Praxisangebot für strukturierte Schulungs- und Behandlungsprogramme erhält. „Dies ist sicher sinnvoll, da wir dann auch technikaffine Patienten*innen und Berufstätige schulen können oder Personen mit langen Anfahrtswegen zur Praxis“, so Professor Dr. Bernhard Kulzer. „Allerdings müssen die Präsenzschulungen weiterhin Goldstandard der Diabetesschulung bleiben.“ Denn für ältere Menschen oder Personen ohne technische Voraussetzungen und Technikaffinität halten die meisten Befragten eine Onlineschulung für weniger gut geeignet. Besonders die Interaktionen zwischen dem*der Kursleiter*in und den Patient*innen, aber auch zwischen den Patienten*innen, schätzten 82 % der Befragten bei der Präsenzschulungen als deutlich besser ein.


Ja zur Wissensvermittlung über Onlineschulungen


„In einer Onlineschulung entsteht nur schwer die gleiche Gruppendynamik, wie in einer Präsenzschulung, die ebenfalls wichtig ist“, so Kulzer. Auch lassen sich nicht alle Schulungsinhalte aus Präsenzschulungen 1:1 in digitale Formate übertragen. Für eine erfolgreiche Wissensvermittlung sollten u. a. Anpassungen in Dauer und Interaktionsmöglichkeiten getätigt werden.

Insgesamt bewerteten Praxen, die bereits Erfahrungen mit der Onlineschulung gesammelt haben, diese in allen Bereichen signifikant positiver als solche, die bislang noch keine Onlineschulungen durchgeführt hatten. „Dies zeigt, dass praktische Erfahrungen mit diesem für die Diabetesschulung neuen Medium notwendig sind“, so Kulzer weiter.

Signifikante Unterschiede zwischen Personen, die noch nie bzw. bereits eine Video-Schulung durchgeführt haben*

Legende

Keine Erfahrung

Erfahrung


Eine Video-Schulung ist in meiner Praxis gut möglich

41,2%
71,6%

Die Vor- und Nachteile von Video-Schulungen gegenüber Präsenz-Schulungen werden aktuell offensichtlich

58,8%
78,4%

Durch die Corona-Krise hat sich meine Bereitschaft, Video-Schulung anzubieten, erhöht

46,5%
62,5%

Durch die Corona-Krise hat sich meine Einstellung zur Video-Schulung verbessert

40,3%
55,2%

Mit einer Video-Schulung ist eine strukturierte Gruppenschulung prinzipiell möglich

33,4%
48,9%

Die Video-Schulung kann während der Corona-Krise eine Alternative zur Präsenz- Schulung darstellen

42,5%
62,5%

Modifiziert nach „Ergebnisse der Befragung zur Video Gruppenschulung“, FIDAM, Bad Mergentheim


„Nicht nur wir, sondern auch die Patienten*innen haben im letzten halben Jahr in Sachen Videokonferenz viel dazu gelernt“, ist Kulzer überzeugt. „Dennoch ist die Onlineschulung noch nicht fest etabliert und es wird sich zeigen, ob die Krankenkassen auch nach Corona die Videoschulung erlauben werden“, erklärt Kulzer.

Sein Fazit: „Diabetesschulungen per Video haben sich als eine praktikable, ergänzende Option zur Präsenzschulung herausgestellt. Allerdings unter der Voraussetzung, dass die Videoschulungen nur mit DMP-Diabetes zertifizierten strukturierten Schulungs- und Behandlungsprogrammen durchgeführt werden und der Datenschutz gewährleistet ist. In einer gemeinsamen Presseerklärung haben sich daher VDBD, BVND, FIDAM, DDG, diabetesDE und winDiab für ein dauerhaftes Parallelangebot von Präsenz- und Videoschulungen in der Diabetologie ausgesprochen.


*Online-Befragung im Zeitraum Mai/Juni 2020

  • 356 Antwortdatensätze
  • 233 Diabetesberater*innen (64,1 %), 103 Ärzte*innen (29 %), 24 Diabetesassistenten*innen
  • Antworten aus allen 17 KV-Bezirken
  • Durchschnittliches Alter: 50 Jahre
  • Weiblich: 81,1 %, Männlich: 18,9 %
  • Praxis eher städtisch gelegen (63,9 %), Praxis eher ländlich gelegen (36,1 %)
  • Gemeinschaftspraxis (47,8 %), Einzelpraxis (32,3 %), Praxisgemeinschaft (8,2 %), MVZ (11,7 %)


Weiterführende Informationen


Bundesärztekammer: Aktuelle Handreichung der Bundesärztekammer mit wichtigen Hinweisen für die Organisation von Videosprechstunden.

Online-Seminar „Diabetesschulung per Video“ (noch bis 9. Dezember 2020)
In diesem Seminar erfahren Sie, wie Sie in Pandemie-Zeiten Ihre abrechenbaren Diabetesschulungen per Video durchführen können. Inhalte: Theoretische Grundlagen (Technik, Abrechenbarkeit, DSGVO), praktische Durchführung einer Videoschulung und Didaktik sowie Fragen im Experten-Chat

Gemeinsame Presseerklärung von VDBD, BVND, FIDAM, DDG, diabetesDE und winDiab
August 2020


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