Teststreifen Ade?

Berlin, 11.11.2020


Teststreifen Ade: Löst CGM die Blutglukoseselbstmessung ab?

Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM-Systeme) sind omnipräsent. Sei es auf Kongressen, in der Berichterstattung in den Fachmedien, beim Austausch in der Community oder sogar im Werbespot zur besten Sendezeit. Auch werden Menschen mit Diabetes und einer intensivierten Insulintherapie die Kosten dafür durch die Krankenkasse erstattet. CGM-Systeme sind ein wichtiger Bestandteil der modernen automatischen Insulindosierung (AID). Also bleiben jetzt die Fingerkuppen verschont? Nicht ganz: Vor allem punktet die Blutglukoseselbstmessung (BGSM) mit ihrer Messgenauigkeit, darüber hinaus benötigen einige CGM-Systeme für die Kalibrierung Vergleichswerte der Blutzuckermessung. Auch wird Menschen mit Diabetes empfohlen, ein BGSM-Gerät für den Notfall mitzuführen, um z. B. bei Hypoglykämie-Symptomen schnell reagieren zu können.


Mit der Entwicklung der BGSM-Systeme wurde die Messung der Blutglukose, die anfänglich noch auf die Arzt*Ärztinnenpraxis oder ein Labor beschränkt war, in die Hand, aber auch in die Verantwortung der Patienten*innen gelegt. Das bedeutete, dass die Patienten*innen die therapeutische Dosis eines hochwirksamen Medikaments von nun an selbst berechnen sollten. Ohne BGSM wäre keine intensivierte Insulintherapie mit mehrfach täglicher Adjustierung der Insulindosis möglich. Ein essenzieller Part der Glukosemessung ist aber die Verlässlichkeit der Ergebnisse, da daraus schließlich Therapieentscheidungen resultieren. Die Messgenauigkeit wurde immer weiterentwickelt und so entspricht die sogenannte Messgüte der BGSM heutzutage den Laborwerten. Die Messgüte der CGM waren anfangs eher schlecht, weisen heutzutage aber vergleichbar zuverlässige Messgüten auf wie die der BGSM.

„Die Herstellung der Glukosesensoren für CGM-Systeme ist mittlerweile mit solch einer Zuverlässigkeit und Reproduzierbarkeit möglich, dass diese Systeme bei der Herstellung kalibriert werden können“, schreibt zd-Mitglied Professor Dr. Lutz Heinemann in einem Standpunkt zu diesem Thema.

„Es ist interessant zu sehen, dass zu Beginn der Umstellung von BGSM auf CGM keine größeren langfristigen Studien initiiert wurden, die eine vergleichende Bewertung der Vor- und Nachteile beider Ansätze zur Glukosekontrolle aus medizinischer Sicht ermöglicht“, so Heinemann. CGM stellt nicht einfach nur eine fortgeschrittene BGSM-Option dar, sondern liefert viel mehr Informationen und ermöglicht einen Einblick in die Glukoseregulationsprozesse im menschlichen Körper, z. B. nach dem Sport oder einer Mahlzeit. „CGM sollte als eigenständige neue diagnostische Option betrachtet werden“, folgert Heinemann.


Zucker ist nicht gleich Zucker


Die Messergebnisse mit CGM- oder BGSM-Systemen können unterschiedlich sein. Bei diesem Vergleich muss beachtet werden, dass die CGM-Systeme in der interstitiellen Flüssigkeit (ISF) den sogenannten „Gewebezucker“ messen, während die BGSM-Systeme den „Blutzucker“ im kapillaren Blut messen. „Blut und interstitielle Flüssigkeit korrelieren miteinander“, so Heinemann, „dennoch sind die Glukosekonzentrationen in diesen beiden Kompartimenten nicht unter allen physiologischen Bedingungen identisch.“ Rasche Änderungen der Glukosekonzentration im Blut, wie z. B. während/nach körperlicher Arbeit, Mahlzeiten oder Hypoglykämien können erst verzögert in der ISF gemessen werden. „Messdifferenzen zwischen den beiden Messoptionen sind in solchen Bedingungen keine Messfehler“, schreibt Heinemann. Für die Patienten*innenversorgung sind in seinen Augen beide Messsysteme relevant, da sie unterschiedliche, sich ergänzende Informationen bieten, die einen erweiterten Einblick in die Glukoseregulation ermöglichen.


CGM: Eckpfeiler für moderne AID-Systeme


Die modernen AID-Systeme bestehen aus einem CGM-System zur Glukosemessung, einem Algorithmus, der die Insulindosis anhand der gemessenen Werte berechnet, und meist einer Insulinpumpe, die das Insulin infundiert. Auch in diesem „geschlossenen“ System ist eine hohe Messgüte entscheidend für eine sichere Funktion. „Wenn das AID-System Kalibrationen des integrierten CGM-Systems benötigt, hat die Qualität der Kalibrationsmessungen einen Einfluss auf die Güte der CGM-Messung, d. h. das dafür verwendete BGSM-System sollte auch eine hohe Messgüte aufweisen“, so Heinemann. Als Zukunftsoption wären auch AID-Systeme ohne Insulinpumpe, wie mit Smartpens, die Informationen über die Insulindosis und den Zeitpunkt der Injektion zur Verfügung stellen, oder diskrete Patchpumpen zum einmaligen Gebrauch eine Option. Egal mit welchem System – eine hohe Genauigkeit der CGM-Kalibrierung ist unerlässlich. „Wenn ein ungenaues BGSM-Messergebnis zur Kalibrierung des CGM-Systems verwendet wird, werden die davon gemessenen Glukosewerte bis zur nächsten Kalibrierung in eine Richtung verschoben und das kann zur einer falschen Insulindosierung führen“, so Heinemann.


Fazit


Für viele Menschen mit Diabetes stellt die Blutzuckerselbstkontrolle eine ausreichende Option dar. „Wenn es bei der raschen Weiterentwicklung von CGM-Systemen bleibt, könnte die Bedeutung der BGSM abnehmen. Wenn es jemals dazu kommt“, so Heinemann. Seiner Ansicht nach ist es wahrscheinlicher, dass beide Systeme parallel existieren, denn beide haben ihren Stellenwert. Doch die Entwicklung ist schwer zu beurteilen. Sollten bald CGM-Systeme verfügbar werden, die „vom Preisniveau her bei den Kosten von Teststreifen liegen oder die andere relevante Vorteile bieten, wie eine wirklich nicht invasive Blutzuckermessung, könnte es doch zu einem schnelleren Wechsel kommen“, resümiert Heinemann.


Weiterführende Informationen


Artikel Lutz Heinemann et al. 13.07.2020 AGDT AG Diabetes + Technologie Systeme zur nichtinvasiven Glukosemessung

Aktualisierte Stellungnahme der DDG Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Technologie (AGDT) zum Ersatz von Blutglukosemessungen durch Messungen mit Systemen zum kontinuierlichen real-time Glukosemonitoring (rtCGM) oder mit intermittierendem Scannen (iscCGM)
Zum PDF

AGDT-Vorschlag für „Praktische Hinweise“ entsprechend klinischen Erfahrungen: zum Ersatz von Blutglukosemessungen durch Messungen mit Systemen zum kontinuierlichen Glukosemonitoring (rtCGM) oder Flash-Glukosemonitoring (FGM)
Zum PDF

Interviews mit Experten auf dem ATTD 2020 zum Thema CGM


HbA1c vs. AGP


HbA1c


  • Der klassische HbA1c-Wert (Verbindung aus Hämoglobin (Hb, roter Blutfarbstoff) und Glukose) gilt als etablierter Standard und liefert eine Aussage über das Risiko des Menschen mit Diabetes für Spätkomplikationen
  • Limitationen [Danne et al. 2017]:
    • gibt nur den Durchschnitt der Glukosekonzentration der letzten zwei bis drei Monate wieder
    • Informationen auf täglicher Basis, wie Hypo- und postprandiale Hyperglykämien, werden nicht abgebildet
    • kann bei einer bestehenden Anämie, Hämoglobinopathien, Eisenmangel oder Schwangerschaft falsche Ergebnisse liefern
    • liefert keine Daten darüber, wie das Behandlungsschema angepasst werden kann, wenn die HbA1c-Spiegel erhöht sind

AGP


  • Das Ambulante Glukoseprofil (AGP) wird für die Darstellung der kontinuierlich gemessenen Glukosewerte international empfohlen [Danne et al. 2017] und ist Standard zur Auswertung kontinuierlicher Glukosemessungen
  • Die Daten aus dem gewählten Zeitraum werden in Form eines 24-Stunden-Standardtags dargestellt
  • Es liefert Daten, Analysen und Grafiken im ausgewählten Analysezeitraum (optimal: Auswertezeitraum über mindestens 14, aber höchstens 28 Tage)
    • mittlerer Glukosewert
    • glykämische Variabilität (Streuung der Glukosewerte)
    • Time in Range (Zeitanteil, in dem sich der Patient im Zielbereich befindet)
    • Anzahl, Dauer, Tiefe und Frequenz von aufgetretenen Hypoglykämien können im ausgewählten Zeitraum genau analysiert werden

Quellen:
Lutz Heinemann: BGSM vs. CGM: eine gemeinsame Zukunft? Diabetes, Stoffwechsel und Herz 2020; 29 (4): 239–242 

Guido Freckmann: Basics and use of continuous glucose monitoring (CGM) in diabetes therapy J Lab Med 2020; 44 (2): 71–79 


Danne et al.: International Consensus on Use of Continuous Glucose Monitoring Diabetes Care 2017; 40:1631–1640 

Jens Kröger: CME-Fortbildung Ambulantes Glukoseprofil (AGP) Diabetes-Forum 2019; 31 (10): 27–32


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