Therapie-Navi für Patienten mit Typ-1-Diabetes mit Insulinpumpentherapie

Bad Mergentheim, 17.06.2020


Therapie-Navi für Typ-1-Diabetespatienten mit Insulinpumpentherapie

Ob Resistenzen, Essen, Bewegung, Menstruation, Stress oder andere Medikamente – wie viel Insulin zugeführt werden muss, ist von vielen Einflussgrößen abhängig. Das verunsichert viele Patienten bei der Dosisberechnung. Die Therapiesoftware AdviceDevice (AD) unterstützt „Just in time“ mit individuellen Empfehlungen für die Insulinierung.

Auf Basis der 35-jährigen Erfahrung des internistischen Diabetologen Dr. Bernhard Teupe wurde AdviceDevice von der Diabetes-Dorf Althausen GmbH und der SINOVO GmbH & Co. KG speziell für Patienten mit Typ-1-Diabetes mit Insulinpumpe entwickelt. Im Interview erklärt Dr. Teupe, wie das „Therapie-Navi“ funktioniert.


Herr Dr. Teupe, warum ist es für Patienten mit Typ-1-Diabetes mit Insulinpumpentherapie sinnvoll, AdviceDevice zu nutzen?
Wenn man eine gute Einstellung haben will, gibt es einige Probleme, die ein Mensch mit Typ-1-Diabetes nicht gut lösen kann. Zum einen fehlt ihm viel Detailwissen, das man kaum vermitteln kann. Zum anderen sind Patienten schnell überfordert, wenn man ihnen diese Details vermitteln will. So haben wir etwa 135 Einflussgrößen auf den Blutzucker identifiziert. Diese beeinflussen den Blutzucker manchmal annähernd linear und einfach, manchmal stecken hochkomplexe mathematische Formeln dahinter. Selbst wenn ein Patient nur einige dieser Einflussgrößen berücksichtigen müsste, wäre das eine schwer zu lösende Aufgabe.

Welche Einflussgrößen sind das?
Das fängt damit an, wie insulinempfindlich jemand in dem Moment und in den folgenden Stunden ist, wenn er sich Insulin zuführt. Wenn ich zum Beispiel durch eine Unterzuckerung in eine sogenannte posthypoglykämische Insulinresistenz oder in eine Lipolyse-Resistenz gelange, dann brauche ich mehr Insulin. Wenn ich einen Infekt habe oder die Menstruation bevorsteht, hat das ebenfalls einen Einfluss. Beim Essen geht es um verschiedene Kohlenhydratarten, einige werden langsamer, andere schneller resorbiert; wieder andere unvollständig aufgenommen. Auch die Fettkalorien spielen eine Rolle. Wenn man das alles berechnet, dann ist das Essen kalt, bevor man mit der Rechnung fertig ist – und man hat sich wahrscheinlich verrechnet.

Und wie kann hierbei Ihr „Therapie-Navi“ AdviceDevice helfen?
AdviceDevice kann mit der Software SiDiary fast alle Blutzuckermessgeräte und Insulinpumpen auslesen. Zudem kann man per Tablet oder Smartphone zusätzliche Daten eingeben. Für jeden Patienten gibt es bei uns ein Rechenmodell aus knapp 300 Zahlen, das 135 Einflussgrößen berücksichtigt – die sogenannten Regelwerke, die ich auf der Grundlage meiner Erfahrung in der Betreuung von mehr als 5.000 Menschen mit Typ-1-Diabetes erarbeitet habe. Die Software rechnet damit benötigte Insulinierungen aus.

Patienten können AdviceDevice kontinuierlich nutzen und jedes Geschehen eingeben oder das Programm punktuell befragen, etwa wenn die Therapie eigentlich gut läuft, man sich aber in bestimmten Situationen unsicher ist. AdviceDevice startet bei jedem Dateneingang eine Analyse, kann Situationen vorhersehen oder auf vergangene reagieren. Die Berechnungsprotokolle kann man sich sogar anzeigen lassen und auch die Grundlagen der Diabetologie können Patienten nachschlagen.

Bringt die Digitalisierung für die Insulinpumpentherapie große Fortschritte?
Ja, weil dauernd Daten anfallen. Und weil ein Patient mehrmals am Tag quantifizierbare Entscheidungen treffen muss. Dazu braucht man Algorithmen und Mustererkennungssysteme. Auch muss der Algorithmus erkennen, wie sich diese Muster verändern. AdviceDevice beinhaltet Merkmale „schwacher Künstlicher Intelligenz“. Es benötigt aber anstelle von Big Data konkrete Daten eines Menschen mit all seinen Eigenschaften sowie diabetologische Gesetzmäßigkeiten, die aufzeigen, wie diese den Blutzucker beeinflussen.

In welchen Bereichen könnte AdviceDevice zukünftig noch eingesetzt werden?
Ich sehe vor allem eine Zusammenarbeit mit Closed-Loop-Systemen. Der Closed Loop ist nämlich auf einem Auge vollkommen blind: Er weiß nie, was der Patient tatsächlich macht, sondern sieht immer nur vergangene Blutzuckerverläufe – ohne deren Ursachen. Etliche Closed-Loop-Patienten haben mich kontaktiert, weil sie entsetzlich entgleist waren. Sie fragten mich: „Ich habe doch ein vollautomatisches Ding, warum geht das nicht?“ Die Erklärung: Die Maschine weiß nicht, was der Patient isst, wie viel er isst, ob er resistent ist oder nicht. Die Maschine gibt Basalrateninsulin ab (hoffentlich stimmt die Basalrate) und bei einer Blutzuckerüberhöhung Korrekturinsulin. Fällt der Blutzucker stärker ab, schaltet sie ab. Das Abschalten birgt allerdings die Gefahr eines Insulinmangels – mit der Folge, dass der Patient jetzt zur Korrektur mehr Insulin einsetzen muss. Dem folgt oft eine Down-Regulation: Man braucht noch mehr Insulin, weil man mehr Insulin einsetzt. So geraten Patienten in eine Spirale. Und diese Spirale ist charakterisiert durch abwechselnde Unterzuckerungs- und Überzuckerungszustände. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass die Implementierung unserer 135 Regelwerke in die Closed-Loop-Systeme bessere Ergebnisse bringen wird.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Teupe!

AdviceDevice wurde mit dem bytes4diabetes-Award 2020, einer Initiative der BERLIN-CHEMIE AG gemeinsam mit den zd-Experten, ausgezeichnet. Weitere Informationen sowie ein Video über das Projekt finden Sie hier.

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